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Schuberts Winterreise: Einsamkeit, Tod und der Leiermann

Schuberts Winterreise: Einsamkeit, Tod und der Leiermann

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Diese Folge erkundet Schuberts Winterreise als radikalen Seelenweg zwischen Verlassenheit, Todessehnsucht und musikalischer Neuerfindung. Im Fokus stehen Schuberts Umgang mit Wilhelm Müllers Gedichten, die expressive Rolle des Klaviers und das verstörende Finale mit dem Leiermann.

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Chapter 1

Wenn die Welt erfriert

Rachel

Stellt euch mal diesen einen Moment vor. Es ist mitten in der Nacht, draußen herrschen Minusgrade, und ihr lauft völlig allein durch die Straßen. Gerade eben ist eine Beziehung zerbrochen, und plötzlich fühlt sich jeder vertraute Hauseingang, jede Laterne völlig fremd an. Als ob man nicht mehr dazugehört.

Otto

Genau das. Man steht mitten im Leben und ist mit einem Schlag komplett isoliert. Und genau da setzt Franz Schubert 1827 an. Er nimmt diesen allerersten Satz von Wilhelm Müller aus Gute Nacht: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Es geht nicht bloß um ein bisschen Liebeskummer, sondern um den kompletten Rauswurf aus der menschlichen Wärme.

Leonie

In d Moll, direkt mit schweren, schleppenden Schritten im Klavier. Und das war damals, um ehrlich zu sein, eine echte Neuerung in der Musikwelt. Bis dahin war das Lied im achtzehnten Jahrhundert ja oft eher so ein heiteres Ding für den Salon, Gelegenheitsmusik, schlichte Begleitung, ein bisschen Trallala zum Tee.

Otto

Ja, absolut. Aber bei Schubert, vor allem bei den Schubertiaden, also diesen privaten Hauskonzerten in Wien, emanzipiert sich das Klavier komplett. Der Pianist sitzt da nicht mehr nur als Taktgeber. Da merkt man sofort, das Klavier fungiert quasi als Psychologe. Es malt nicht nur die knirschenden Schritte im Schnee, die fallenden Tränen in Gefrorne Tränen, das Bellen der Kettenhunde, sondern auch Emotionen des lyrischen Ichs, die im Text nur angedeutet werden oder gar nicht direkt benannt werden. Dies betrifft nicht nur die Gestaltung der Klavierstimme, sondern natürlich auch des Gesangs.

Leonie

Es ist eine Seelenlandschaft. Und man versteht diese Radikalität besser, wenn man sich Schuberts eigenes Leben anschaut. Geboren 1797, gestorben 1828 mit nur 31 Jahren. Er schlug sich als Hilfslehrer durch, lebte im riesigen Schatten von Beethoven. Seine neun Sinfonien wurden zu Lebzeiten nicht mal öffentlich aufgeführt.

Otto

Beethoven war damals der absolute Gigant für monumentale Orchestermusik. Und Schubert scheitert im Grunde an diesem Anspruch. Denken wir an seine achte Sinfonie in h Moll, die Unvollendete. Nach zwei Sätzen bricht er einfach ab. Aber genau das ist doch der Schlüssel zur Romantik: Das Unsagbare, das tiefste Leiden lässt sich oft gar nicht in riesigen Monumenten ausdrücken, sondern im Fragment. In der kleinen, intimen Form.

Leonie

Und deshalb flieht er in über sechshundert Lieder. Und das Tragische dabei: Der Mann, der ihm die Texte geliefert hat, Wilhelm Müller, hat von alledem wahrscheinlich überhaupt nichts mitbekommen.

Otto

Stimmt, Müller starb 1827 mit 33 Jahren in Dessau. Er war Soldat gegen Napoleon, Bibliothekar, Philologe. Heute kennen viele von ihm nur Das Wandern ist des Müllers Lust. Die beiden sind sich nie begegnet, und Müller hat nie eine einzige Note von Schuberts Vertonung seiner Winterreise gehört.

Leonie

Dabei hat Müller ihm die perfekte Vorlage gebaut. Es gibt in diesen 24 Gedichten ja gar keine fortlaufende Handlung. Keine Abenteuerreise. Es sind reine, statische Momentaufnahmen. Die äußere Winterlandschaft kann verstanden werden als ein Spiegel für Verzweiflung, Wahn und Todessehnsucht.

Chapter 2

Die harmonische Falle

Otto

Aber Schubert übernimmt Müllers Gedichte nicht einfach brav eins zu eins. Er baut die Reihenfolge massiv um. Müller hatte zum Beispiel das Gedicht Die Post schon an Position sechs gesetzt. Bei Schubert wandert es auf Nummer dreizehn.

Leonie

Warum macht er das?

Otto

Weil er eine knallharte Zweiteilung will. Teil eins, Lieder eins bis zwölf, endet mit Einsamkeit. Da geht jemand weg, abgewiesen von einem Mädchen, verabschiedet sich von der Gesellschaft und versinkt in der Kälte. Und Teil zwei beginnt dann mit Die Post. Da hört man dieses schwungvolle Posthorn im Sechsachteltakt, eine scheinbare Hoffnung, die aber sofort als bittere Illusion entlarvt wird, weil kein Brief für das lyrische Ich dabei ist. Ab da geht es bergab in pure Todesobsession.

Leonie

Und das bringt uns zu dem Punkt, an dem in jeder Musikklausur gnadenlos Punkte verloren gehen: die Sache mit Dur und Moll. Regel Nummer eins bei Schubert: Dur bedeutet niemals einfach nur Freude.

Otto

Niemals. Von den 24 Liedern stehen sechzehn in Moll und nur acht in Dur. Aber wenn bei Schubert Dur auftaucht, ist das fast immer das Reich des Irrealen. Träume, wehmütige Erinnerungen oder eben eine Verlockung des Todes.

Leonie

Das beste Beispiel ist Lied Nummer fünf, Der Lindenbaum in E Dur. Alle kennen die Melodie, klingt fast wie ein liebliches Volkslied. Die Äste rauschen: Komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh. Aber wenn man genau hinhört, ist das kein schöner Sommertag. Es ist der Ruf des Schneesturms, die Verführung, sich einfach ins Eis zu legen, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Dur steht bei Schubert also eher für Wunsch, Sehnsucht, Erinnerung an schönere Zeiten.

Otto

Und dann kommt das Finale. Lied 24, Der Leiermann.

Leonie

Nur noch zwei Töne im Bass. Eine leere, starre Bordun Quinte, die die Drehleier nachahmt. Ein barfüßiger, alter Mann steht auf dem Eis, niemand will ihn hören, Hunde knurren ihn an. Und der Wanderer fragt: Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen? Willst du zu meinen Liedern deine Leier drehen?

Otto

Schubert korrigierte diese letzten Lieder buchstäblich auf dem Sterbebett, kurz bevor er im November 1828 an Typhus starb. Man fragt sich unweigerlich: Ist dieser Leiermann der personifizierte Tod? Ist es der völlige Wahnsinn? Oder hat Schubert sich da selbst gesehen, als verarmten Künstler, der seine Lieder ins eisige Nichts hinein singt?

Leonie

Schubert lässt uns genau mit dieser Leere am Rand des Eises stehen. Ein Meisterwerk, das keine bequemen Antworten gibt, sondern uns mit vielen Fragen zurücklässt, die man sich vielleicht nicht gestellt hätte, wenn die Gedichte nicht auf diese Weise vertont worden wären.